Montag, 26.08.2019
Stummfilm­festival

Die Dame, der Teufel und die Probier­mamsell (D, 1919) Dida Ibsens Geschichte. Ein Finale zum »Tagebuch einer Verlorenen« von Margarete Böhme (D, 1918)


1.Film:

Bevor Robert Wiene seinen Klassiker Das Cabinet des Dr. Caligari (D, 1919/20) inszenierte, arbeitete er als Drehbuchautor eng mit Rudolf Biebrach zusammen und schrieb allein 18 Drehbücher für Henny-Porten-Filme. Ihre schauspielerische Vielseitigkeit gab Wiene Gelegenheit, sich in verschiedenen Sparten zu üben und im Jahr 1919 war sein Ruf als »Autor und Regisseur der Henny-Porten-Filme« (Der Film, 19.07.1919) bereits gefestigt.

Besessen von einem Hermelinmantel träumt eine junge Probiermamsell (altertümlich für Mannequin) vom reichen Käufer in der Gestalt des Teufels, der ihr den Mantel als Versuchung anbietet. Furchtlos trotzt sie den Gefahren der Unterwelt und meistert schließlich alle Mutproben. Wieder erwacht scheint sich das Erträumte zu verwirklichen, denn ein achttägiger Rollentausch mit der Baronin lässt das Objekt der Begierde in greifbare Nähe rücken. Während die vertauschten und angenommenen Identitäten zum festen Inventar seiner Komödien gehören, bedient sich Wiene hier bereits mythologischer Motive und spielt mit der Verwirrung zwischen Traum und Realität.

Die Dame, der Teufel und die Probiermamsell erlebte im Weimar des Jahres 1919 insgesamt 24 Vorführungen in den Reform Licht-Spielen (28.02. - 06.03.1919).

Im Anschluss folgt als Hauptfilm Richard Oswalds Dida Ibsens Geschichte. Ein Finale zum »Tagebuch einer Verlorenen« von Margarete Böhme (D, 1919). Der Eintrittspreis gilt für beide Filmvorführungen.

2.Film:

In Richard Oswalds fragmentarisch erhaltener Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Margarete Böhme flüchtet sich die ausgestoßene Heldin Dida Ibsen, gespielt von der schon zu Lebzeiten legendären Tänzerin Anita Berber, in eine sadomasochistische Zwangsehe mit einem Tropenfahrer.

Richard Oswald gilt neben Otto Rippert als der wichtigste Vertreter der sogenannten Aufklärungs- und Sittenfilme, welche bereits während des Ersten Weltkrieges zum Zwecke einer Verbesserung der hygienischen Lebensverhältnisse der größtenteils verarmten und an Infektionskrankheiten leidenden Bevölkerung vom Reichskriegsministerium staatlich gefördert wurden. Als im November 1918 die Volksräte die Zensur abschafften, verschoben sich die Filme in Richtung Voyeurismus und zogen mit ihren kalkulierten Tabubrüchen die Masse entlassener Soldaten an, die sich Freizügigkeit und Nacktszenen erhofften. Obwohl Oswalds Filme konservativer ausfielen als die Werbung suggerierte, wurden sie von beamteten Zeitgenossen vehement skandalisiert und weckten Befürchtungen vor einer Aufweichung der traditionellen Geschlechterordnung.

Als Vorfilm wird Rudolf Biebrachs Komödie Die Dame, der Teufel und die Probiermamsell (D, 1919) nach dem Drehbuch von Robert Wiene gezeigt. Der Eintrittspreis gilt für beide Filmvorführungen.

Schock der Freiheit

Mit der Gründung der Weimarer Republik beginnt auch für das Weimarer Kino das goldene Zeitalter des deutschen Films. Nach der Kaiserherrschaft und den Schrecken des Ersten Weltkriegs spiegelt sich der plötzliche »Schock der Freiheit« (Siegfried Kracauer) in den eskapistischen Lustspielen, glamourösen Spektakeln und düsteren Leinwandfantasien des Films. Anhand der rekonstruierten Spielpläne der lokalen Kinos »Scherffs Lichtspielhaus« und »Reform Licht-Spiele« zeigen das Lichthaus Kino, die Bauhaus-Universität Weimar, das Kunstfest Weimar und das Weimarer Stadtarchiv in Zusammenarbeit mit international renommierten Musiker*innen und Gästen eine Stummfilm-Retrospektive mit seltenen Werken, die sich vor genau 100 Jahren als Publikumsmagneten erwiesen und an das filmische Kulturerbe aus der Perspektive der Stadt Weimar erinnern. Historische Wochenschauen ergänzen die Hauptfilme.

Weitere Stummfilme mit Live-Musik in der Retrospektive »Schock der Freiheit«:

27.8., 19:45
Pax Æterna. Der ewige Frieden (DK, 1917)

28.8., 19:45
Rose Bernd (D, 1919)

31.8., 15:00
Im deutschen Sudan (D, 1917)

1.9., 15:00
Der Rattenfänger von Hameln (D, 1918) u.a. Kurzfilme

1.9., 19:45
Der grüne Vampyr (D, 1918/19) & Die
Austernprinzessin (D, 1919)

3.9., 19:45
Veritas Vincit. Die Wahrheit siegt! (D, 1918/19)

4.9., 19:45
Opium (D, 1918)

5.9., 19:45
Die Spinnen 1. Teil: Der goldene See (D, 1919)

Richard Siedhoff

Richard Siedhoff begleitete seit 2008 mehr als 300 Stummfilmklassiker mit Eigenkompositionen und konzipierten Improvisationen am Klavier und gilt als einer der gefragtesten Nachwuchstalente auf seinem Gebiet. Er gastiert regelmäßig auf den ‚Internationalen Stummfilmtagen Bonn‘, im Filmmuseum München und zahlreichen Stummfilmevents im In- und Ausland und hat zahlreiche seiner Musiken für DVD-Veröffentlichungen eingespielt. Er tritt auf Festivals in der Schweiz, Österreich, Italien, Schottland, Thailand und Süd Korea auf. Vermehrt schreibt Siedhoff auch Stummfilmbegleitungen für Kammerensemble und Orchester. Daneben bespielt er viele kleine Kultureinrichtungen mit 16mm-Fiilmkopien aus seiner umfangreichen Sammlung. Richard Siedhoff ist Hauspianist im Lichthaus Kino Weimar, dessen Stummfilmprogramm er kuratiert. Zudem ist er als Komponist, Pianist und Darsteller für Film, Theater und Kabarett tätig. Richard Siedhoff ist Composer in Residence des Metropolis Orchesters Berlin - Das Kinoorchester.



Karten für beide Filme:
10 € / ermäßigt 7 €

Dauer: 60 min (1)
55 min (2)

Barrierefreier Zugang (mit Anmeldung)

Öffnungszeiten:

Mo, 26.08.2019 19:45  |  Apple |  Google |  .ics Download

Theater, Oper, Konzerte        Website

Stummfilm­festival

Vorverkauf:

Tel. 03643/745 745, 03643/755 334

Veranstaltungsort:
Lichthauskino Straßenbahndepot / e-werk
Am Kirschberg 4
99423 Weimar

Veranstalter:
Kunstfest Weimar
Windischenstraße 10
99423 Weimar
03643/755 291

Kunstfest Weimar
21.08.2019 - 07.09.2019

Weimarer Sommer
21.06.2019 - 07.09.2019